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Katholisches Bildungswerk Minden

Das Katholische Bildungswerk Minden e.V. ist eine Gründung der Gemeinden des ehemaligen Dekanates Minden. Die Gemeinden sind deshalb geborene Mitglieder des Bildungswerkes.

Das Katholische Bildungswerk hat die Aufgabe die Bildungsarbeit der Gemeinden zu unterstützen. Dies geschieht in der Regel durch die Finanzierung von Bildungsveranstaltungen der Gemeinden, auf Wunsch durch Unterstützung bei der Auswahl von Veranstaltungsleitern und Referenten, insbesondere aber durch die Ausrichtung Zentraler Veranstaltungen zu theologischen und lebenskundlichen Themen.

Ein Programmheft, in dem das Halbjahresprogramm unseres Bildungswerkes, der anderen Bildungswerke der Region und der Katholischen Bildungsstätte in Bielefeld nachzulesen ist, liegt in der Gemeinde aus.

(Tilmann Hitzler-Spital)

Hier finden Sie Nachschriften zu bisherigen Vorträgen des Katholischen Bildungswerks Minden für das laufende und das vergangene Jahr.

„Ein christliches Ja zum jüdischen Nein – Fruchtbarer Dissens über Jesus Christus“

16.03.2016, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Dr. Hanspeter Heinz

Ich bin ein evangelischer Katholik mit jüdischen Freunden" - so stellte sich Prof. Dr. Hanspeter Heinz seinem Publikum vor, das am vergangenen Mittwoch im Haus am Dom den Vortragssaal gut gefüllt hatte. Der emeritierte Professor für Pastoraltheologie der Katholischen Fakultät der Universität Augsburg war auf Einladung des Katholischen Erwachsenenbildungswerks, der Evangelischen Erwachsenenbildung und der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit nach Minden gekommen. Sein Thema lautete: "Ein christliches Ja zum jüdischen Nein - Fruchtbarer Dissens über Jesus Christus". Selber seit 1974 Leiter des Gesprächskreises "Juden und Christen" beim Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und Preisträger der für besondere Verdienste für die Verständigung zwischen Juden und Christen verliehenen Buber-Rosenzweig-Medaille im Jahr 2015, schilderte Prof. Heinz den bedeutsamen Neuaufbruch der katholischen Theologie gegenüber dem Judentum nach Holokaust und 2. Weltkrieg:

Prof.Dr. Hanspeter HeinzDas 2. Vatikanische Konzil betrieb mit seiner "Erklärung über die Juden" - nach fast zweitausend Jahren christlicher Verunglimpfung des Judentums - eine fulminante Kehrtwendung hin zu einem respektvollen Verhältnis gegenüber dem jüdischen Glauben, vorangetrieben vom Reformpapst Johannes XXIII: Auf das unfassbare historische Faktum, dass die meisten Täter der nationalsozialistischen Judenvernichtung getaufte Christen waren, münzte Johannes XXIII die theologische These: "Die Tatsache, dass Jesus als Jude geboren wurde, ist die Spitze der Menschwerdung Gottes".

In drei theologischen Thesen fasste Prof. Heinz den Erkenntnisfortschritt des 2. Vatikanischen Konzils und seine eigenen Erfahrungen und Schlussfolgerungen, gewonnen aus jahrzehntelanger Begegnung mit jüdischen Gesprächspartnerinnen und -partnern in aller Welt, zusammen: Erstens haben Christen zu akzeptieren, dass Juden das christliche Bekenntnis zu Jesus Christus aus Treue zu ihrem eigenen Glauben nicht anerkennen: "Gott gibt Juden offensichtlich etwas anderes zu hören als uns", spitzte der Gast aus Augsburg seine Thesen zu, und leitete damit über zu seiner zweiten These: Christen haben zu akzeptieren, dass Gottes ("alter") Bund mit seinem jüdischen Volk bestehen bleibt, ungeachtet der Tatsache, dass sich die Kirche ihrerseits auf den ("neuen") Bund Gottes in Jesus Christus gegründet sieht. Und drittens geht es darum, das "Geheimnis Gottes" nicht durch theologische Geschichtsspekulationen über die Frage, warum Gott offensichtlich verschiedene Wege der Menschen zu ihm hin eröffnet hat (geschweige denn, welcher Glaube "der richtige" sei), zu verwässern: "Wir kennen die himmlische Buchführung nicht", brachte es der Referent humorvoll auf den Punkt.

Die praktische Folgerung aus diesen theologischen Erkenntnissen lautet: Wenn Juden und Christen untereinander und vor Gott auf gleicher Höhe stehen, wird auch die jahrhundertelang von christlichen Kirchen betriebene "Judenmission" obsolet. Auch die bis zum 2. Vatikanischen Konzil praktizierte "Fürbitte für die Bekehrung der Juden" als Bestandteil der Karfreitagsliturgie in der katholischen Kirche ist damit hinfällig geworden: "Wir Christen sollten lieber für unsere eigene Bekehrung beten", fasste es der Referent wieder erfrischend provokativ zusammen - und traf damit offensichtlich auf Zustimmung der meisten Zuhörenden. Anstatt die eigene Identität über die Verachtung anderer zu definieren, sollten Christen lieber mit Respekt und Neugierde auf Menschen anderen Glaubens zugehen - und darin als Vorbild wirken in unserer Zeit, in der weltweit ideologische und religiöse Ressentiments und Konflikte das Zusammenleben der Menschen zunehmend beeinträchtigen.


Pfarrer Andreas Brügmann
Geschäftsführender Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Minden (Westfalen) e.V.


 „Kann Kirche Reformen?”

12.02.2016, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Gerhard Kruip

Am 12. Februar 2016 referierte Prof. Gerhard Kruip über die Römische Bischofssynode zu Ehe und Familie unter der Fragestellung „Kann Kirche Reformen?” im Haus am Dom in Minden.

Auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes Minden und in Kooperation mit dem Evangelischen Erwachsenenbildungswerk berichtete der Sozialethiker und Anthropologe Prof. Dr. Gerhard Kruip von der Universität Mainz im Haus am Dom über die Bischofssynode in Rom vom vergangenen Herbst über Ehe und Familie.

Der Synode war ein zweijähriger Vorbereitungsprozess mit Befragung der Laien in allen Diözesen der Welt vorgeschaltet. Gerade im deutschsprachigen Raum, wo die Ergebnisse von der Deutschen Bischofskonferenz zusammengefasst wurden, ergab sich eine sehr große Diskrepanz zwischen der offiziellen Lehre der Kirche und dem, was die meisten Katholikinnen und Katholiken denken und leben. Prof. Kruip nannte hier die vier „heißen Eisen”: Wiederverheiratete Geschiedene, außerehelicher Geschlechtsverkehr, Empfängnisverhütung und Homosexualität. Aus seiner Sicht sei die „traditionelle Sexualfeindlichkeit” der Kirche, die Sexualität auf die Zeugung von Kindern reduziere, „heute so nicht mehr nachvollziehbar”. Vielmehr habe sie weitere, in sich wertvolle Funktionen, wie die Stärkung der Bindung zwischen den Partnern, die dem Wunsch nach lebenslanger Übernahme der Verantwortung füreinander und für Kinder förderlich sei.

Gerade der Aspekt der Verantwortung müsse zu einer Neubetrachtung der vier „heißen Eisen“ führen. Insbesondere die Verantwortung für Kinder von wiederverheirateten Geschiedenen und die Verantwortung füreinander in homosexuellen Partnerschaften müsse stärker berücksichtigt werden. In diesem Sinne heiße es auch im Abschlussdokument der Bischofssynode: „In der Perspektive des Glaubens gibt es keine Ausgeschlossenen: alle sind von Gott geliebt und liegen der Kirche in ihrem pastoralen Handeln am Herzen.“

Zur Eingangsfrage des Vortrags „Kann Kirche Reformen“ gab Prof. Kruip die Einschätzung, dass in der Bischofssynode „wirklich offen und kontrovers diskutiert” sowie die Vielfalt wahrgenommen wurde, was Hoffnung gebe für die „Offenheit für eine gewisse Dezentralisierung”. Aber Papst Franziskus sei „sicherlich noch kein irreversibler Durchbruch“ gelungen. Dazu sei die „enorme Ungleichzeitigkeit in der Weltkirche“ zu groß, was er mit den Kommunikationsproblemen z.B. des Bischofs von Hamburg mit Bischöfen aus Afrika über das Thema Homosexualität veranschaulichte. In den Worten des Papstes heiße es dazu: „Was einem Bischof eines Kontinentes als normal erscheint, sich für den Bischof eines anderen Kontinents als seltsam, beinahe wie ein Skandal herausstellen kann.“ In seiner Schlussansprache habe Papst Franziskus an die Barmherzigkeit Gottes erinnert und mit Markus 2,27 darauf verwiesen, dass „die Gesetze und die Gebote, für den Menschen geschaffen sind und nicht umgekehrt“.

Ulrich Stadtmann – Vorsitzender des Katholischen Bildungswerkes Minden


 

"Laudato si" - mehr als eine "Umwelt-Enzyklika"

21.01.2016, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Dr. Norbert Mette

Unter dem Titel “ 'Laudato si' - mehr als eine ,Umwelt-Enzyklika' “ sprach  Prof. Dr. Norbert Mette am Mittwoch, den 20. 01. 2016 im Haus am Dom. Katholisches Bildungswerk und Evangelisches Erwachsenenbildungswerk hatten zu der Veranstaltung eingeladen.

Die Enzyklika „Laudato si“ - den Titel habe Papst Franziskus dem Sonnengesang des hl. Franziskus entnommen – stehe , so Mette, in einer Reihe mit den Sozialenzykliken „Rerum Novarum“ und „Populorum Progressio“, unterscheide sich von diesen aber durch die Hereinnahme ökologischer Fragen. Es gehe dem Papst um soziale und ökologische Gerechtigkeit. Weil der Glaube die Welt als Gottes Schöpfung betrachte / verstehe,sei der behutsame Umgang mit der Natur für den Christen nicht nur ethisch, sondern auch vom Glauben her gefordert. Dass der Papst die Enzyklika von Prof. Schellnhuber, einem weltweit anerkannten Klimaforscher, habe vorstellen lassen, zeige, dass sie sich nicht nur an die Kirche richte. Sie sei eine „programmatische Denkschrift“. Im Aufbau folge sie dem aus der Theologie der Befreiung vertrauten Schema Sehen – Urteilen – Handeln. Im Kapitel „Sehen“ beschreibe Papst Franziskus im Einklang mit der wissenschaftlichen Mehrheitsmeinung, „was unserem Hause (der Welt) widerfährt“ und nenne die bekannten ökologischen und sozialen Probleme wie Umweltverschmutzung, Klimawandel und Verlust der biologischen Vielfalt, worunter besonders die Armen zu leiden hätten, und spreche von einer „Ökologischen Schuld“ der reichen nördlichen Länder gegenüber dem Süden.

Im zweiten Teil bezeichne der Papst zwar technisches Wissen als ein Gut, kritisiere aber, dass das Denken in den Kategorien technischer und ökonomischer Rationalität auf alle Lebensbereiche angewendet werde. Sein Korrektiv müsse die „kommunikative Vernunft“ sein. So könnten auch Literatur, Glauben und die Weisheit biblischer Erzählungen zu einer angemessenen Weltsicht beitragen. Nach dem biblischen Zeugnis sei der Mensch nicht Beherrscher und Ausbeuter der Natur; er müsse sie pflegen, d.h. sie verantwortungsvoll und nachhaltig nutzen. Die Güter der Erde seien für alle da, auch für künftige Generationen.

Was müsse geschehen?  Der Papst fordere „Druck von unten“ auf die Politik, die zu sehr von ökonomischen, einer umweltbewussten Ethik widersprechenden Interessen bestimmt sei. Die Selbstverpflichtungen der Länder auf dem letzten Umweltgipfel in Paris seien ein Fortschritt, aber man müsse abwarten, wie weit sie eingehalten würden.
Im Privaten fordere der Papst einen ökologisch ausgerichteten, maßvollen Lebensstil. Der Verzicht darauf, die innere Leere durch maßlosen Konsum zu kaschieren, könne (und müsse) ganz andere und bisher übersehene spirituelle Werte und Glücksmöglichkeiten in den Blick bringen.

Franziskus halte ein radikales Umsteuern von einem durch Ausbeutung der Natur bestimmten zu einem spirituellen Lebensstil für unumgänglich.

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto)  



"Wie sag' ich's meinem Enkel? - Enkel nicht um Gott betrügen"

05.11.2015, Petri-Kirche, Minden
Referent: Prof. Dr. Albert Biesinger

„Wie sag' ich's meinem Enkelkind? Enkel nicht um Gott betrügen“ - unter diesem Titel sprach Prof. Albert Biesinger am Donnerstag, den 5.November, in der Petrikirche. Katholisches Bildungswerk und Evangelisches Erwachsenenbildungswerk hatten zu der Veranstaltung eingeladen.

Ganz gleich – so Biesinger – ob und wie Eltern ihren Kindern Glauben vermitteln: Die Diversität kann die Glaubensvermittlung durch Großeltern für Kinder interessant machen („Mama macht's so, aber bei Oma ist das anders!“). Unterschiede gelte es, nicht zu verwischen. Großeltern sollten selbstbewusst mit ihren Enkeln praktizieren, was ihnen selbst wichtig sei; sie sollten authentisch sein.

Wichtig und wirkungsvoll seien bei der Glaubensvermittlung Rituale: Tischgebet (bei dem sich die Betenden bei den Händen halten), Abendgebet in kindgerechter Form, ggf. Kreuzzeichen, Aufstellen von Kerzen und die Erklärung solcher Rituale in kindgerechter Form. Auch das Vorlesen „biblischer Geschichten“ wecke das kindliche Interesse. Dabei sei es außerordentlich bedeutsam, kein Angst erzeugendes Gottesbild – mit dem viele aus der Großelterngeneration noch aufgewachsen seien – zu vermitteln. Religiöse Erziehung müsse „locker und alltagstauglich“ sein.

Auf religiöse Erziehung zu verzichten mit dem Argument, Kinder sollten sich später einmal selbst frei für oder gegen den Glauben entscheiden können, sei wirklichkeitsfremd: Man könne sich nicht für etwas entscheiden, für das man gar „keine Antennen entwickelt“ habe.

Gerade angesichts des Zustroms von Muslimen, die traditionell stärker religiös gebunden seien, nach Europa sei die Kenntnis des eigenen Glaubens wichtig.

Abschließend stellte Biesinger zahlreiche Bücher vor, die bei der Glaubensvermittlung hilfreich sein könnten.

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto)  


"Die armer Kirche als Spur Gottes in unserer Kirche"

23.09.2015, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Dr. Elmar Salmann

„ Die arme Kirche als Spur Gottes in unserer Zeit“ - unter diesem Titel sprach im Haus am Dom am Mittwoch, den 23. 09. Prof. Dr. Elmar Salmann, Benediktinermönch im Kloster von Gerleve. Katholisches Bildungswerk und Evangelisches Erwachsenenbildungswerk hatten zu der Veranstaltung eingeladen.

In einem Schnelldurchgang durch die Geschichte des Judentums und des Christentums zeigte Salmann auf, dass die Motive des Wanderns (der Migration), der Armut, des Exils für beide Religionen konstitutiv seien. Er verwies u.a. auf Israels Auszug aus Ägypten, seine Wüstenwanderung, das Babylonische Exil und auf den Glauben Israels an einen Gott, der mit seinem Volk gehe und es zum Wagnis, zur Entdeckung neuen Dimensionen ermutige. Auch die christliche Kirche sei – mit Jesus und Paulus – auf das Wirken von Wanderpredigern gegründet.

Dem stellte Salmann die Tendenz der Religionen zu festen Formen, zur Institutionalisierung, das Streben nach Sicherheit und Beständigkeit, auch nach Macht und Prachtentfaltung gegenüber. Sie zeige sich etwa zur Zeit Kaiser Konstantins, im Mittelalter und in der Renaissance: Armut und Ungesichertheit halte der Mensch auf die Dauer nicht aus - auch nicht in der Religion: Auch in Gott suche er Beständigkeit und Zuverlässigkeit und Sicherheit. Immer seien aber auf derartige Epochen Gegenbewegungen gefolgt, etwa das franziskanische Mönchtum als Reaktion auf die Machtentfaltung der Kirche im Mittelalter oder Luthers Reformation als Antwort auf die Prachtentfaltung der Renaissancepäpste. Dabei sei es immer um Einfachheit, Radikalisierung gegangen.

Die letzte Epoche kirchlicher Macht- und Prachtentfaltung sei mit Papst Pius XII. Zu Ende gegangen. Die heutige Kirche sei noch immer mit den Zerfallserscheinungen dieser Gestalt von Kirche konfrontiert: Die Kirchen leerten sich, kirchliche Moral und Dogmatik verliere ihre Bedeutung, Zahl und Größe der kirchlichen Immobilien entspreche nicht mehr dem Bedarf. In diesem Prozess des Niedergangs, so hofft Salmann, zeige sich die Spur Gottes, werde etwas Neues aus der Taufe gehoben: ein Glaube, der – dem modernen Menschen entsprechend – vielfältiger, demokratischer sein und Widersprüche aushalten könne. Salmann zitierte Niels Bohr: „Es gibt triviale Wahrheiten und es gibt große Wahrheiten. Das Gegenteil einer trivialen Wahrheit ist einfach falsch. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist auch wahr.“

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto)  


 

"Gott will es! - Über das Verhältnis von Religion und Gewalt."

19.08.2015, Petri-Kirche, Minden
Referent: Dr. Daniel Deckers

„,Gott will es!' - über das Verhältnis von Religion und Gewalt“ - zu diesem Thema sprach am Mittwoch, den 19. August, Dr. theol. Daniel Deckers, Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ für das Ressort „Gegenwart“, in der Petrikirche. Katholisches Bildungswerk und Evangelisches Erwachsenenbildungswerk hatten zu der Veranstaltung eingeladen.

Deckers richtete sein Hauptaugenmerk auf Christentum und Islam. Aus beiden Religionen nannte er Beispiele für Aussagen, die, aus ihrem historischen oder literarischen Zusammenhang gerissen, Gewalt legitimiert haben oder noch legitimieren: für das Christentum das Bibelwort „zwinge sie einzutreten“ (Lk.14,23) und den so genannten Schwertvers aus dem Koran („...töte die Polytheisten, wo ihr sie trefft...“). Dem stellte er die Gewalt einhegende Funktion von Religion gegenüber: So könnte man sogar die mittelalterlichen Hexenprozesse verstehen als den Versuch, ungezügelte Gewalt gegen „Hexen“ durch Verrechtlichung zu zügeln.

Ob eine Welt ohne Religion friedlicher wäre, sei nach den Gewaltexzessen des Stalinismus und des Nationalsozialismus im vergangenen Jahrhundert, die sich unter anderem auch gegen die Religion gerichtetet hätten, sehr zweifelhaft.

Wenn Gewalt im Namen von Religion verübt werde, müsse man genau zusehen, ob, „wo Religion draufstehe, auch Religion drin sei“. Allzu oft seien territoriale, machtpolitische oder auf Rohstoffe (Öl) gerichtete Interessen oder auch das Gefühl, von Wohlstand und Fortschritt ausgeschlossen zu sein, die eigentlichen Triebkräfte von Auseinandersetzungen, die als Religionskriege verkauft würden. Religion eigne sich – vor allem in Gesellschaften mit niedrigem Bildungsstand – hervorragend als Legitimierung, „Rahmung“ für gewaltsame Auseinandersetzungen, sei aber eher „Brandbeschleuniger“ als „Brandursache“. So hätten die gegenwärtigen Christenverfolgungen in muslimischen Ländern vielfach damit zu tun, dass die meist gebildeteren und sozial erfolgreicheren Christen vielfach Parteigänger der autoritären Regime (Saddam Hussein, Assad, Sisi) gewesen seien, weil sie diese als Garanten für ihre Sicherheit angesehen hätten.

Was die Möglichkeit Gewalt religiös zu legitimieren angehe, müsse man die einzelnen Religionen differenziert betrachten; im Islam liege sie relativ nah. Andererseits sei die Gewaltideologie des „Islamischen Staates“ in diesem Jahr von 120 führenden islamischen Gelehrten aus aller Welt als unislamisch verurteilt worden, und in großen vom Islam bestimmten Ländern wie Indonesien und die Philippinen herrsche ein toleranter Islam vor.
Man müsse sich, so Deckers, in diesem Zusammenhang vor einer „Identifizierungsfalle“ hüten: Muslime sähen vielfach westlichen Kolonialismus und Imperialismus als christlich an, und Europäer, die vor 20 Jahren noch zwischen Türken und Arabern differenziert hätten, neigten heute dazu alle Muslime über einen Kamm zu scheren und Islam und Terrorismus nah beieinander zu sehen („Nicht jeder Muslim ist Terrorist, aber jeder Terrorist ist Muslim“).

Insgesamt forderte Deckers für das Problemfeld Religion und Gewalt differenzierendes Denken, politische Lösungen für politische Probleme, Respekt vor derAutonomie der Religionen gegenüber Staat und Gesellschaft, interreligiösen Dialog und Aktivierung des Friedenspotentials der Religionen, vor allem aber die Förderung von Bildung als Immunisierung gegen „Religiöse Parolen“.

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto)  


 

"Gehört der „Islamische Staat“ auch zum Islam?"

22.04.2015, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Dr. Dr. Peter Antes

Prof. Dr. Peter Antes sprach auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes und des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes am Mittwoch, den 22. 4. im Haus am Dom über das Thema: „Gehört der 'Islamische Staat' auch zum Islam?“.

Zu Beginn seines Vortrages klärte Antes den Begriff „Djihad“. Er bedeute etwa „Anstrengung“, „Engagement“, „Kampf (für eine gute Sache)“ und werde in vielen Zusammenhängen verwendet: der sog. „Große Djihad“ könne z.B. in Fasten, Gebet, spirituellen Übungen und Taten der Nächstenliebe bestehen. Der „Kleine Djihad“ bezeichne die göttliche Pflicht des Muslim zur Verteidigung des „Hauses des Islam“ in feindlicher Umgebung. Sie gehe allen anderen Pflichten (etwa der Einhaltung des Ramadan) voran, sogar der Bewahrung des eigenen Lebens, und könne auch Krieg beinhalten. Wer im „Heiligen Krieg“ falle, gelte als Märtyrer und komme direkt ins Paradies. Diese Form des Djihad können nur von einem Kalifen ausgerufen werden. Nach der Abschaffung des Kalifats im 20. Jahrhundert gebe es keine zentrale Institution des Islams mehr. Seitdem dürfe der Djihad nachAuffassung der Mehrheit der Muslime nur von Staaten, keinesfalls aber von irgendwelchen selbsternannten Führern, ausgerufen werden. Er gerät dadurch jedoch in die Sphäre politischer Interessen. Al-Baghdadi, der Führer des Islamische Staates, halte den Islam, wie er von den islamischen Staaten praktiziert werde, für korrumpiert durch die Politik und leite daraus das Recht ab ein neues Kalifat zu errichten und den Djihad auszurufen. Fanatiker wie er lebten in einer Art Endzeitstimmung (wie es sie auch bei christlichen Fundamentalisten gebe) und wirkten nach eigener Ansicht für die totale Unterwerfung (Islam) der Menschheit unter Gott (Allah). Sie beriefen sich auf zwei oder drei Koranverse und blendeten dafür 50 aus, die für Toleranz und Versöhnung sprächen. Man müsse aber – auch nach muslimischer Auffassung – den Koran als Ganzes sehen und die Situationen beachten, in die hinein einzelne Verse gesprochen seien; auch dem Neuen Testament werde man nicht gerecht, wenn man es allein von einem Jesuswort wie „Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert“ her verstehen wolle. Die große Mehrheit der Muslime müsse deutlich von den (radikalen) Islamisten unterschieden werden. Die Radikalität der Islamisten resultiere nicht zuletzt aus dem Gefühl Verlierer und Opfer der Modernisierung zu sein; sie missbrauchten den Islam auf ihrer Suche nach Einfachheit und Eindeutigkeit angesichts einer immer komplexer werdenden Welt.

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto)   


 

"Vaterunser – das Gebet Jesu und der ökumenischen Christenheit"

21.01.2015, Haus am Dom, Minden
Referent: Prof. Dr. Norbert Mette

In einem Vortrag mit dem Titel „Vaterunser - das Gebet Jesu und der ökumenischen Christenheit“ interpretierte Professor Dr. Norbert Mette die Aussagen des Vaterunser. Der Vortrag fand am 21. Januar im Haus am Dom statt. Katholisches Bildungswerk und Evangelisches Erwachsenenbildungswerk hatten zu der Veranstaltung eingeladen.

Das Vaterunser sei, so Mette, ursprünglich auf aramäisch, der Muttersprache Jesu, formuliert, habe sich dann aber in der griechischen Version - Griechisch sei die Weltsprache den damaligen Zeit gewesen - in der Christenheit verbreitet. Jesus habe es auf dem Hintergrund seines jüdischen Glaubens gesprochen. Mit der Anrede Gottes als „unser Vater“ werde Gott nicht als Patriarch im Sinne der damaligen Zeit angesprochen, sondern sie nehme die Beter mit hinein in Jesu Erfahrung mit dem Vater, den er „Abba“ (lieber Vater) nenne und den er im Gleichnis vom verlorenen Sohn charakterisiert habe. Der Zusatz „im Himmel“ Verweise auf die Unverfügbarkeit Gottes.

In der Bitte „geheiligt werde dein Name“ gehe es um den Namen Jahwe, den Juden aus Ehrfurcht nicht aussprächen. Er beinhalte die Zusage Gottes, immer da zu sein bei den Seinen und für die Seinen. Die Heiligung des Gottesnamens bestehe darin, sich nicht in sich selbst zu verschließen, sondern wie Gott für die Menschen da zu sein.

In der Bitte „dein Reich / deine Herrschaft komme“ gehe es um den Sturz der Mächtigen, der Unterdrücker, und um Gerechtigkeit für die Armen und Kleinen. Die Botschaft von der Gottesherrschaft sei subversiv und habe deshalb zur Verurteilung Jesu durch die Mächtigen der Zeit geführt.

„Dein Wille geschehe“ bitte darum, dass Gottes Plan mit den Menschen und mit seiner Schöpfung Wirklichkeit werde und enthalte die Aufforderung an die Menschen, sich mit ihrem Engagement hier einzubringen statt sich resigniert zurück zu ziehen.

Die Bitte um das tägliche Brot (besser: „um das Brot, das wir brauchen“) beziehe sich auf Materielles ebenso wie auf Nahrung für die Seele, auf Zuwendung. Im materiellen Sinne betrachtet, sei sie weniger eine Bitte für uns als ein stellvertretendes Gebet für die Armen.

In der Bitte „vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ gehe es vor allem darum, zu seiner Schuld zu stehen, sie nicht zu verdrängen, auf Gottes Vergebung zu vertrauen, selbst zur Vergebung bereit zu sein, den Schuldner damit aus seinem Verhaftetsein an die Vergangenheit zu befreien und so die Beziehung zum anderen in Ordnung zu bringen.

Die Bitte „und führe uns nicht in Versuchung“ deutete Mette, ausgehend von der Sündenfallerzählung im alten Testament und der Geschichte von der dreifachen Versuchung Jesu durch den Teufel so, dass ein falsches Gottesbild im Menschen den Wunsch wecken könnte wie Gott zu werden, sich an seine Stelle zu setzen und Menschen und Natur zu unterwerfen. Man müsste sich fragen: „Dürfen wir alles machen, was wir können?“, vor allem aber auch: „Tun wir alles (gegen Hunger, Krankheiten und Ungerechtigkeit) was wir können?“

(Tilmann Hitzler-Spital - Text und Foto) 

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Ausgabe Oktober 2018

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